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Fachklinik für Spezielle Schmerztherapie

 AMPUTATION

Schmerz / Schmerzen nach Amputation
 

Mit den Methoden der modernen Schmerztherapie könnte wohl manche Amputation verhindert werden. Mehr dazu hier (einfach anklicken).

Unter Amputation versteht man die chirurgische oder traumatische (= unfallbedingte) Entfernung eines Körperteils. 
Theoretisch können Schmerzen nach jeder Amputation auftreten, so z.B. Brus t, Zun ge, N ase, Pen is, Hod en oder Kl itoris, praktisch sind aber nur die Extrem itäten (= Ar me und Be ine) betroffen. 
Das Risiko, daß sich nach einer Amputation Pha
ntom-Schmerzen einstellen, ist ungleich größer, wenn bereits vor der Amputation im abgetrennten Bereich starke Schmerzen, chronische Entzündungen oder Gefäßerkrankungen bestanden.

Schmerzen nach einer Amputation können in drei verschiedenen Formen auftreten:

  1. Stum pfschmerz

  2. Pha ntom-Schmerzen

  3. Stumpf- und Pha ntom-Schmerzen

Bei Pha ntom-Schmerzen werden Schmerzen in einen nicht mehr vorhandenen Körperteil projiziert bzw. dort empfunden. 

Stum pf-Schmerzen betreffen, wie der Name schon sagt, dem Amputationsstumpf, die Schmerzen können auch zu Körper hin ausstrahlen.

Stum pf-Schmerzen und / oder Pha ntom-Schmerzen treten nach unfallbedingter oder operativer Amputation des Beines oder Armes sehr häufig auf. Die Zahlenangaben dazu sind allerdings alles andere als einheitlich, sie reichen von 5% bis 100% (Cronholm 1972, Feinstein et al. 1954, Thoden 1987). 

Stum pf-Schmerzen dürften auf lokale (= örtliche) Faktoren zurückzuführen sein, während beim sog. "Stum pfschlagen" (unwillkürliche, anfallsartig auftretende, schmerzhafte Stumpfbewegungen) wahrscheinlich spinale (= im Rückenmark ablaufende) Mechanismen beteiligt sind (Thoden 1987).

Ein Stum pf-Schmerz ist häufig durch taktile (= den Tastsinn betreffende) oder thermische Reize triggerbar (= auslösbar). Oft besteht Druckschmerzhaftigkeit und besonders im Narbenbereich eine Hyperäst hesie (= Überempfindlichkeit auf Berührun g). Im Unterschied zu Pha ntom-Schmerzen treten Stum pf-Schmerzen eher als Dauerschmerzen auf. 

Pha ntom-Schmerzen, die von schmerzlosen Pha ntomempfindungen zu unterscheiden sind, treten meist unmittelbar nach der Amputation auf. Wir sehen jedoch immer wieder Fälle, bei denen sich Pha ntom-Schmerzen erst nach Jahren, in Ausnahmefällen sogar erst nach Jahrzehnten, einstellten. 
Die Angaben zu Schmerzperiodizität und Schmerzqualität lassen kein einheitliches Muster erkennen. Bei der Abfrage der Schmerzqualität dominieren Begriffe wie "brennend", "schneidend" und "wie eingeklemmt". Überwiegend wird ein attackenförmiger Verlauf der Ner venschmerzen angegeben, wobei die Attacken minuten- bis tagelang dauern können. Bei fast allen Patienten mit
Pha ntom-Schmerzen liegt eine klimatische Schmerzmodulation (= Änderung des Schmerzzustandes) vor.

Ätiologie (= Krankheitsursache) und Pathogenese (= Krankheitsentwicklung) der Pha ntom-Schmerzen liegen noch im Dunkeln, an theoretischen Denkmodellen mangelt es jedoch nicht. Diskutiert werden örtliche (Kossmann et al. 1986), zentrale (= im Rückenmark / Gehirn verursachte) (Lückung et al. 1988, Nordenboos 1959), ein Zusammenspiel örtlicher und zentraler (Krainick et Thoden 1976) sowie psychische Faktoren (Mitscherlich 1947). 

Es sei noch darauf hingewiesen, dass eine Phantomschmerzsymptomatik nicht den (Teil-) Verlust einer Extrem ität (= Ar m oder Be in) voraussetzt. Diese kann auch bei einer Denervierung (= Unterbrechung der Nervenverbindungen) auftreten, so z.B. nach einem unfallbedingten Plexusaus riß (= Ausriß des Armnervengeflechts an der Halswir belsäule) oder einer Querschn ittsverletzung, bei sonst unversehrtem Körper. Zur Unterscheidung verwendet man in diesen Fällen den Begriff „Deafferenz ierungsschmerz".

Bei einer Amputation im Bereich des Beines stellen sich in der Regel später auch behandlungsbedürftige Beschwerden an kontralateralen (= gegenüberliegenden) Gelen ken und an der Wir belsäule ein, bedingt durch unphysiologische (= unnatürliche) Dauerbelastungen. 

Wie kann dem Schmerz nach einer Amputation vorgebeugt werden?
 
Mehrere Studien belegen, daß nach einer Epiduralanalgesie
(= rückenmarknahe Nervenleitungsblockade) oder Plexusanalgesie (= Blockade des großen Armnervs) weniger Pha ntom-Schmerzen auftreten als wenn zur Operation nur eine Allgemeinnarkose durchgeführt wird.

Schmerz-Behandlung nach Amputation

1.    Besonders bei anfallsartigen, einschießenden Schmerzen sollten Antikonvulsiva (z.B. Carbamazepin, Gabapentin) (= Mittel gegen das Anfallsleiden, aber auch bei Schmerzen nach einer Amputation wirksam) versucht werden. Hin und wieder ist auch ein Therapieversuch mit Baclofen (z.B. Lioresal®) (= Mittel zur Muskelentspannung) erfolgreich. In den letzten Jahren wurde immer wieder eine Therapie mit Calcitonin (z.B. Karil®) (= ein Hormon der Schilddrüse) propagiert (Kessel et Wörz 1987). Uns hat die Wirkung bei Schmerzen nach einer Amputation nicht überzeugen können. Jedoch soll die frühzeitige Gabe von Calcitonin sehr hilfreich sein (Döbler et Zenz 1994).  

2.    Unterstützend (selten als einzige Therapie ausreichend) haben sich bei Schmerzen nach einer Amputation schmerzdistanzierende Antidepressiva (= Mittel gegen Depressionen, aber auch bei Schmerzen nach einer Amputation hilfreich) sehr bewährt. Wir bevorzugen Maprotilin (z.B. Ludiomil®) und Doxepin (z.B. Aponal®).

3.    Ner venblockaden (Lees er et Hefermann 1988, Lees er et Brückner, Schmerztherapiezen trum Bad Mergen theim 1990). 
Bei Amputation des Armes wiederholte axilläre Plexusblockaden (= Blockaden des Armnervengeflechts nahe der Achselhöhle), optimal mit Katheter* (= eingepflanzter dünner Kunststoffschlauch), bei hoher Amputation ohne oder mit nur geringem Reststumpf die wiederholte hohe interskalenäre Plexusblockade (= Blockade des Armnervengeflechts im seitlichen Halsbereich).  
Bei Amputation im Beinbereich zunächst diagnostische Blockaden (Nervus femoral is, evtl. als 3-in-1-Blockade; Nervus ischiad icus), bei positiver Wirkung dann wiederholte Blockaden mit einem langwirkenden örtlichen Betäubungsmittel (z.B. Bupivacain), zur Erhöhung der Blockadefrequenz auch mit Katheter (
Lees er et al. 1987), bei hoher Amputation oder Exartikulation (= im Hüftgelen k herausgetrennt) kontinuierliche Per iduralblockade (= rückenmarknahe Blockade) mit Katheter*.
In seltenen Fällen wird man sich zu einer rückenmarknahen Morphin-Applikation mittels einer eingepflanzten Medikamentenpumpe ("Schmerzpumpe") entschließen.

4.    Wenn bei Pha ntomschmerzen nach einer Amputation des Beines lumbale Gren zs trangblockaden (= Blockaden des autonomen, vegetativen Nervensystems im Bereich der Lendenwir belsäule) wirksam sind,  so es es lohnend, die kontinuierliche per idurale (= rückenmarknah) Blockade mit Katheter* durchzuführen. Bei einer Amputation des Armes können Blockaden des Gangl ion stel latum (= vegetative Schaltstelle im seitlichen Halsbereich) versucht werden. 

5.   Bei Stum pf-Schmerzen können wiederholte, großzügige Infiltrationen mit einem örtlichen Betäubungsmittel (z.B. mit Bupivacain 0,25%) ausreichend sein.

6.   Die Suche geeigneter Körperpunkte zur Durchführung der elektrische, transkutanen (= über die Haut verabreichte) Nervenstimulation (TENS) zur Erzielung einer optimalen Wirkung kann bei Schmerzen nach einer Amputation sehr zeitaufwendig sein, auf jeden Fall sollte auch die kontralaterale Extrem ität (= Be in / Ar m gegenüberliegend) mit einbezogen werden. Meist ist jedoch die schmerzlindernde Wirkung nicht so ausgeprägt, als dass man auf eine Kombination mit anderen Maßnahmen verzichten könnte.

7.    Außer der per iduralen (= rückenmarknahen) Rückenmarksstimulation mittels eingepflanzter Elektroden (DCS) sollten bei Schmerzen nach einer Amputation operative Methoden nur bei Therapieresistenz (= nichts hilft) zum Einsatz kommen. Hier sind zu erwähnen: - Chordotomie (= Durchtrennung von Schmerzbahnen im Rückenmark) - DREZ- Läsion (Läsion der dorsal-root-entry-zone) (= elektrische „Verkochung“/Zerstörung der hinteren Schmerzeintrittszone am Rückenmark).

Die früher bei Phantom-Schmerzen nach einer Amputatiion des Beines oder Armes empfohlene Thalamotomie (= elektrische „Verkochung“ einer schmerzleitenden Umschaltstelle im Gehirn) mit einem zu hohen Risiko behaftet (Thoden 1987). Nachresektionen (= weitere operative Teilentfernung) des Stumpfes sind allenfalls vorübergehend wirksam.

Flankierende Maßnahmen bei Schmerzen nach einer Amputation des Beines oder Armes:
 
Bei Stumpf-Schmerzen wirkt häufig eine oberflächliche Kältebehandlung zusätzlich schmerzlindernd, gleiches gilt für Wechselbäder.
Auch die Akupunktur kann beim Schmerz nach einer Amputation zu einer Linderung führen, aber als alleinige Therapiemaßnahme i.d.R. nicht ausreichend.  
Oftmals lässt sich auch bei Schmerzen nach einer Amputation durch die Vermittlung von Entspannungstechniken eine zusätzliche Besserung erzielen, auch Biofeedback (= Registrierung und Rückmeldung bioelektrischer Signale) soll hilfreich sein (Thoden 1987). 
Zum Abbau von psychosozialen Spannungsfeldern sollten psychologische Interventionen versucht werden. Nach unserer Beobachtung sind Patienten mit Schmerzen nach einer Amputation im Hinblick auf Schmerzmittelmißbrauch oder gar -abhängigkeit (gilt teilweise auch für Beruhigungsmittel) besonders gefährdet. In diesen Fällen leiten wir unverzüglich eine stationäre Entzugsbehandlung ein.

Wichtig sind nach einer Amputation auch krankengymnastische Behandlungen zum Ausgleich der gestörten Körperstatik.

Wenn Schmerzen nach einer Amputation des Beines oder Armes längerfristig bestehen, so ist davon auszugehen, daß bereits ein Chronifizierungsgrad II oder III (Mainzer Stadieneinteilung) vorliegt. In diesen Fällen ist eine rein somatische (= körperliche) Behandlung kaum mehr ausreichend, sondern es müssen zusätzlich psychologisch /psychotherapeutische Interventionen erfolgen.

Erläuterungen: 

 Bei der sog. kontinuierlichen Blockade mit Katheter wird der dünne Kunststoffschlauch dicht an Nervengeflechte bzw. den betroffenen Ner ven eingepflanzt. Die Einpflanzung erfolgt durch eine handelsübliche Kanüle hindurch, es muss also nicht „aufgeschnitten“ werden. In der Folge wird über diesen Katheter mehrmals täglich, jeweils nach Abklingen der vorangegangenen Dosis, das örtliche Betäubungsmittel völlig schmerzlos nachgespritzt. In bestimmten Fällen kann zur Verabreichung des örtlichen Betäubungsmittel durch den Katheter hindurch auch eine kleine Pumpe angeschlossen werden. Nach neueren Erkenntnissen kann diese intensive Blockadetherapie das sog. Schmerzgedächtnis löschen, auch bei Schmerzen nach einer Amputation.

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